Freuden und zunehmende Leiden eines Schulmeisters (I)

Heute titelt die NZZ am Sonntag ihrer Frontseite: Hausfrauen als Hilfskräfte für überlastete Lehrer. Die Chancengleichheit macht es möglich: Nicht nur werden alle Schülerinnen und Schüler integriert, neu dürfen auch “gut gebildete Hausfrauen und Erwerbslose überlasteten Lehrkräften zur Hand gehen”. Diese Assistenten ermöglichen, durch ihre Lebenserfahrung und vor allem Kompetenz altersdurchmischtes Lernen (ADL) den Druchbruch. Also schaffen sie, was all die Horden Schulsozialarbeiter, Logopädinnen, IF-Lehrer und schulischen Heilpädagoginnen nicht geschafft haben. Ich bin echt begeistert! Das Tollste daran: Man kann sogar sparen! Denn statt gutausgebildeter Fachleute kann man eine ganze Horde Assistenten in die Schulzimmer holen. Da bleibt selbst dem Hyperaktivsten die Luft weg – Mineregiehäuser, bei denen sich Fenster nicht öffnen lassen, machen es möglich. Da braucht es auch kein Ritalin mehr. Die Welt kann so schön und einfach sein!

Natürlich reibt man sich dann schon die Augen, ab so wenig Widerspruch. Sogar “der Dachverband der Schweizer Lehrerschaft LCH begrüsst die Idee der Klassenassistenten grundsätzlich und arbeitet an einem Positionspapier”. Ja, klar! Wer darf denn schon etwas gegen die Stossrichtung Chancengleichheit und Integration haben? Ja, und weil der gute Lehrer auch keine Vorbehalte äussern soll, dass auch Integration ihre Grenzen hat, weil man sich sonst als Separateur zu erkennen gibt und diametral gegen die allgemeine Auffassung aller pädagogischen Hochschulen anzukämpfen hat. Schliesslich haben Studien gezeigt, dass blablablabla… (Und nebenbei erwähnt ist es ja auch sehr interessant, dass ein Positionspapier (!) ausgearbeitet wird, obwohl der Aufwand in administrativen Belangen eine wesentliche, zeitliche Belastung des Lehrberufes darstellt.)

Also mache ich was ich mittlerweile gut machen kann: Die Faust im Sack. Denn Hilfe von der Öffentlichkeit ist wenig zu erwarten. Nachdem der Lehrerverband Zahlen zur Arbeitsbelastung veröffentlicht hat, waren die Foren und Kommentarfunktion im Netz mit den alten Vorurteilen gefüllt, wie: Der Lehrer – ein Ferientechniker, Faulpelz und Jammerlappen… Wenn die NZZ am Sonntag im Kommentar Das Lehrer-Bashing macht die Schule nicht besser auf Seite 19 schreibt: “Für eine Bildungsnation wie die Schweiz, die notabene die enorme Integrationsaufgabe fast gänzlich den Schulen überlässt, grenzt die Geringschätzung vor allem der Volksschul-Lehrkräfte an Sabotage”. Recht hat sie. Doch was solls, der Karren ist bereits tief im Schlamm.

Unser Beruf ist bereits schon so kaputt, dass “er zu einer Teilzeitbeschäftigung für orientierungslose Maturandinnen” wurde. Man erkennt dies auch daran, wie gross die Pensen sind – Ich kenne keinen Lehrer und keine Lehrerin in meinem Umfeld der oder die ein 100%-Pensum hat. Entweder weil sie nicht mehr arbeiten wollen oder können.

Im Artikel Lehrer am Anschlag auf Seite 24 in der NZZ am Sonntag von heute (13.12.09) wird auf die Arbeitsbelastung der Lehrpersonen eingegangen. Thematisiert werden aber auch die vielen Abgänge von Lehrkräften. Sie können kaum ersetzt werden durch Neu- oder Wiedereinsteiger. Da kommt die Idee mit den Assistenzen natürlich gerade rechtzeitig… Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

500 Sonderschulplätze sollen wegfallen schreibt der Tagesanzeiger am 25.11.09. Hintergrund ist das neue Konzept der Sonderpädagogik des Kantons Zürich. Das Dokument ist zwar erst in der Vernehmlassung. Nach intensivem Studium und einer Informationsveranstaltung wurde mir klar, das ganze Papier hat zwar pädagogische Aussagen, der Kern bildet aber deutlich ein (finanz-) politischer Hintergrund. Unsere Schule wird nochmals grosse Veränderungen ausgesetzt sein. Ich bezweifle, dass all dies zur ersehnten Chancengleichheit führen wird. Wenn dann aber noch mit dem Slogan für das Wohl des Kindes geworben wird, wird sich Novartis die Hände reiben. Denn ab 2012 wird der Ritalinverkauf rapide ansteigen, denn irgendwie muss der Aktivitätslevel von allen heterogenen “Lerngruppen” auf eine gemeinsame Amplitude gebracht werden. Und trotzdem wird der “Leistungsspagat”, so die Weltwoche vom 5.11.09, innerhalb einer Klasse so gross werden, dass er nicht mehr handhabbar ist und Lernen “unmöglich” wird. Auch das Erholungsheim für ausgebrannte Lehrerkräfte im schönen Appenzell wird nicht so rasch schliessen. So haben viele gewonnen – nur die Schule nicht. Doch bis dann sind wieder andere Bildungspolitiker am Werken.